Warum der Goldpreis derzeit unter Druck ist
Gold gilt gemeinhin als ultimativer Krisenschutz. Umso irritierender ist da, dass das Edelmetall seit Beginn des Nahost-Konflikts in der Spitze mehr als 20 % verloren hat. Vom Allzeithoch bei knapp 5.600 US-Dollar je Feinunze Ende Januar ging es zeitweise bis auf rund 4.100 US-Dollar zurück. Ist der vermeintlich sichere Hafen vielleicht doch nicht so sicher, wenn man ihn braucht?
Entscheidend ist hier gar nicht einmal die Geopolitik selbst. Das, was auf den Goldpreis drückt, sind die sogenannten „Zweitrundeneffekte“. Also die Effekte, die dazu beitragen, dass es teurer wird, Gold zu kaufen. So hat der Krieg den Ölpreis auf über 100 US-Dollar je Barrel getrieben und damit die Inflationserwartungen befeuert. Die US-Notenbank reagierte darauf in ihrer März-Sitzung mit einem deutlich restriktiveren Ausblick: Statt der zuvor erhofften drei Zinssenkungen sieht es nun nach nur einer einzigen für das laufende Jahr aus. Die Realrendite 10-jähriger US-Staatsanleihen ist auf knapp 2 % gestiegen, was die Opportunitätskosten für das zinslose Edelmetall erheblich erhöht hat. Und gleichzeitig hat auch noch der US-Dollar spürbar zugelegt und Gold für internationale Käufer zusätzlich verteuert.
Hinzu kommt ein Effekt, der paradoxerweise gerade die Qualität von Gold als liquide Anlageklasse belegt: In extremen Stressphasen verkaufen Anleger zuerst das, was sich am leichtesten und profitabelsten veräußern lässt. Nach einer Rallye von über 60 % im vergangenen Jahr war Gold genau das. Auch mussten die Zentralbanken einzelner Schwellenländer zur Verteidigung ihrer Währungen Devisenreserven aufbauen, was zusätzlich zum Verkaufsdruck beigetragen hat.
Dieses Muster ist nicht neu. Sowohl in der Finanzkrise 2008 als auch im Covid-Schock 2020 fiel Gold zunächst deutlich, bevor sich der Kurs in den Folgemonaten kräftig erholte. Die kurzfristige Preisschwäche war also nicht etwa ein Zeichen fundamentaler Schwäche, sondern war Ausdruck einer akuten Liquiditätsnot.
Für die weitere Entwicklung gilt es, differenziert zu bleiben. Solange die Zinserwartungen restriktiv bleiben und der Dollar stark, dürfte der Gegenwind für Gold anhalten. Mittelfristig sprechen jedoch die strukturellen Treiber unverändert für das Edelmetall. Vor allem sind dies die anhaltenden Zentralbankkäufe, fiskalische Expansion und wachsende Schuldenlast sowie die zunehmende geopolitische Fragmentierung. Für einen Wiedereinstieg ist darauf zu achten, wann sich der Zinspfad der Fed wieder in Richtung Lockerung dreht. Ein Selbstläufer dürfte die Erholung allerdings selbst dann nicht werden.